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378. Der dürre Lindenstock.

(Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirke, S. 52.)


Einstmals zog aus einem Städtchen, im Innern Böhmens gelegen, ein armer braver Jüngling mit Namen Georg, da der Kaiser die Kriegstrommel rühren ließ, ins Feld, um als treuer Soldat für das bedrohte Vaterland zu kämpfen. Er nahm von seinem lieben Mütterlein

und von Maria, seiner Verlobten, herzlichen Abschied und gab letzterer das Versprechen, nach seiner Rückkehr sie als Gattin heimzuführen. Aber Jahr um Jahr verging, ohne dass seine Angehörigen eine Nachricht von ihm erhielten. Endlich ward der langwierige Krieg beendigt, und die siegesfreudigen Truppen kehrten in die Heimat zurück, wo ihnen allenthalben jung und alt einen festlichen Empfang bereitete. Auch Marie, die unter Hoffen und Harren sechs kummervolle Jahre verlebt hatte, eilte auf die Landstraße hinaus, um ihren Bräutigam zu empfangen, allein er kam nicht. Dies gab ihrer Mutter, welche die Hand ihrer Tochter schon längst dem reichen Nachbar Paul zugesagt hatte, eine willkommene Veranlassung, in sie zu dringen, Georg, der entweder im Kampfe gefallen sei oder sich unter liederlichem Gesindel herumtreibe, zu vergessen und in die glänzende Partie einzuwilligen. Jedoch Marie blieb standhaft und hielt fest an Georg. - Als aber Mutter und Verwandte sie mit wiederholten Bitten und mit ungestümen Drohungen bestürmten, gab sie dem Verlangen nach und erbat sich ein Jahr Aufschub, denn sie hoffte mit aller Zuversicht, dass innerhalb dieser Frist ihr Verlobter heimkehren werde. Doch auch das siebente Jahr verstrich ohne Georgs Rückkehr, und Marie wurde Pauls Gattin.

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